Die Umsetzung des Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) tritt in eine neue Phase ein. Während sich Unternehmen in den letzten Jahren überwiegend mit den quartalsweisen Berichtspflichten der Übergangsphase auseinandersetzen mussten, setzt man sich nun mit den tatsächlichen finanzielle Belastungen durch den notwendigen Erwerb von CBAM-Zertifikaten mehr und mehr auseinander. Parallel dazu entstehen die Voraussetzungen für die Nutzung tatsächlicher Emissionswerte anstelle der von der Europäischen Kommission bereitgestellten Standardwerte.
Eine aktuelle Entwicklung sorgt dabei für besondere Aufmerksamkeit: Die ersten CBAM-Prüfer erhalten ihre Akkreditierung für die Verifizierung eingebetteter Emissionen. Damit wird ein wesentlicher Baustein des künftig vorgesehenen Verifizierungssystems verfügbar. Für viele Importeure stellt sich nun die Frage, ob dadurch eine flächendeckende Nutzung tatsächlicher Emissionsdaten realistisch wird oder ob Unternehmen weiterhin überwiegend auf Standardwerte angewiesen sein werden.
Warum die Verifizierung im CBAM-System eine zentrale Rolle spielt
Mit Beginn der regulären CBAM-Phase müssen Importeure die eingebetteten Treibhausgasemissionen der eingeführten Waren nachweisen. Ziel des Systems ist es, eine vergleichbare CO₂-Bepreisung für bestimmte Drittlandswaren herzustellen und Wettbewerbsverzerrungen zu vermeiden.
Grundsätzlich stehen hierfür zwei Wege zur Verfügung:
- Verwendung tatsächlicher Emissionswerte der Produktionsanlage
- Verwendung von durch die Europäische Kommission festgelegten Standardwerten
Der wesentliche Unterschied liegt in den wirtschaftlichen Auswirkungen. Tatsächliche Emissionswerte können zu einer deutlich präziseren und oftmals günstigeren Berechnung des Zertifikatebedarfs führen. Voraussetzung hierfür ist jedoch eine unabhängige Verifizierung der Daten durch einen akkreditierten CBAM-Prüfer.
Genau an dieser Stelle beginnt die aktuelle Herausforderung.
Erste Akkreditierungen sind ein wichtiger Schritt
Die europäischen Behörden haben die regulatorischen Voraussetzungen für die Akkreditierung von CBAM-Prüfern geschaffen. Zudem wurde die Registrierung entsprechender Prüfer im CBAM-Register eröffnet.
Die ersten akkreditierten Stellen zeigen, dass das System nun operativ anläuft. Für die Wirtschaft ist dies grundsätzlich eine positive Entwicklung. Sie schafft Rechtssicherheit und eröffnet perspektivisch die Möglichkeit, tatsächliche Emissionswerte in die CBAM-Erklärung einzubringen.
Gleichzeitig darf die Bedeutung dieser Entwicklung jedoch nicht überschätzt werden. Die Erteilung einzelner Akkreditierungen bedeutet noch nicht, dass ausreichend Verifizierungskapazitäten für den europäischen Markt zur Verfügung stehen.
Der entscheidende Engpass liegt bei den verfügbaren Prüfkapazitäten
In der Praxis werden tausende Produktionsanlagen außerhalb der Europäischen Union künftig auf ihre Emissionsdaten überprüft werden müssen. Bereits heute zeigt sich, dass viele Hersteller noch keine vollständigen Datensätze aufgebaut haben oder die erforderlichen Berechnungsverfahren erst etablieren müssen.
Hinzu kommt, dass sich zahlreiche Verifizierungsunternehmen selbst noch im Akkreditierungsverfahren befinden. Zwischen der theoretischen Verfügbarkeit eines Prüfsystems und einer flächendeckenden operativen Umsetzung besteht daher weiterhin eine erhebliche Lücke.
Mehrere Faktoren sprechen dafür, dass dieser Engpass auch in den kommenden Jahren bestehen bleiben könnte:
- Die Anzahl akkreditierter Prüfer befindet sich noch auf einem sehr niedrigen Niveau.
- Weltweit müssen große Mengen von Produktionsstandorten bewertet werden.
- Viele Hersteller verfügen bislang nicht über vollständig belastbare Emissionsdaten.
- Die Verifizierung erfordert spezialisiertes technisches Fachwissen und qualifiziertes Personal.
- Zahlreiche Unternehmen beginnen erst jetzt mit der Vorbereitung auf die Anforderungen der endgültigen CBAM-Phase.
Aus Sicht der Praxis dürfte daher die Nachfrage nach Prüfkapazitäten die verfügbaren Ressourcen zunächst deutlich übersteigen.
Welche Folgen ergeben sich für Importeure?
Für viele Unternehmen stellt sich die Frage, ob der Wechsel auf tatsächliche Emissionswerte kurzfristig überhaupt realisierbar ist.
Die Erfahrung aus aktuellen Kundenprojekten zeigt, dass zahlreiche Lieferanten zwar grundsätzlich bereit sind, Emissionsdaten zur Verfügung zu stellen. Die eigentliche Herausforderung liegt jedoch häufig in der Nachweisführung, Datenqualität und späteren Verifizierung.
Solange keine verifizierten Werte vorliegen, bleibt in vielen Fällen lediglich die Nutzung der Standardwerte. Dies kann dazu führen, dass mehr CBAM-Zertifikate benötigt werden als bei einer Berechnung auf Basis tatsächlicher Emissionen.
Insbesondere Unternehmen mit komplexen internationalen Lieferketten sollten daher frühzeitig analysieren, welche Lieferanten realistisch in der Lage sein werden, verifizierte Emissionsdaten bereitzustellen und bei welchen Waren dauerhaft mit Standardwerten kalkuliert werden muss.
Besondere Herausforderungen für indirekte Vertreter
Auch für Zollagenten, Spediteure und indirekte Vertreter ergeben sich wirtschaftliche und organisatorische Konsequenzen.
Die CBAM-Verpflichtungen treffen letztlich den Anmelder. Werden Zollanmeldungen im Rahmen einer indirekten Vertretung abgegeben, entstehen hieraus erhebliche Haftungs- und Finanzierungsfragen. In der Praxis zeigt sich bereits heute, dass viele Beteiligte konservativ kalkulieren und die künftigen Zertifikatskosten auf Basis der verfügbaren Standardwerte berücksichtigen.
Solange keine verifizierten Emissionsdaten vorliegen, dürfte dieser Ansatz für zahlreiche Marktteilnehmer die einzig belastbare Grundlage für eine wirtschaftlich vertretbare Risikosteuerung darstellen.
Jetzt die Weichen für die CBAM-Praxis stellen
Auch wenn die ersten Akkreditierungen ein positives Signal senden, sollte die aktuelle Entwicklung nicht als Entwarnung verstanden werden. Die eigentliche Herausforderung besteht weiterhin darin, ausreichende Verifizierungskapazitäten aufzubauen und gleichzeitig belastbare Emissionsdaten aus den Lieferketten zu erhalten.
Für Zollverantwortliche, Compliance-Abteilungen, Einkaufsorganisationen und Außenhandelsverantwortliche empfiehlt sich daher ein frühzeitiges und strukturiertes Vorgehen. Unternehmen sollten bereits heute Transparenz über ihre CBAM-betroffenen Warenströme schaffen, den Dialog mit Lieferanten intensivieren und die Verfügbarkeit verifizierter Emissionsdaten kritisch hinterfragen.
Gerade in dieser Phase entscheidet sich, ob die künftigen CBAM-Kosten aktiv gesteuert oder lediglich hingenommen werden.
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Die SW Zoll-Beratung begleitet, gemeinsam mit unserem Partner kolum, Unternehmen bei der Umsetzung der CBAM-Anforderungen – von der Betroffenheitsanalyse über die Optimierung der Stammdaten und Lieferantenkommunikation bis hin zur Entwicklung belastbarer Prozesse für die spätere Zertifikatsverwaltung.
Wer frühzeitig Transparenz schafft, kann Risiken reduzieren, Kosten besser kalkulieren und die Weichen für eine rechtskonforme und wirtschaftlich tragfähige CBAM-Strategie stellen.
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Autor: Tim Mayer - Leiter Training & Beratung