27.07.2026 | Lesezeit


Warum die Zukunft der Compliance bei der Datenkonsistenz beginnt

Warum die Zukunft der Compliance bei der Datenkonsistenz beginnt

Mehr als eine Verordnung zur Bekämpfung von Mehrwertsteuerbetrug

Die Verordnung (EU) 2026/1743 wird überwiegend als Maßnahme zur Bekämpfung grenzüberschreitenden Mehrwertsteuerbetrugs wahrgenommen. Diese Einordnung ist zutreffend, beschreibt jedoch nur einen Teil ihrer Bedeutung. Die Verordnung erweitert die Zugriffsmöglichkeiten der Europäischen Staatsanwaltschaft (EUStA) und des Europäischen Amts für Betrugsbekämpfung (OLAF) auf ausgewählte mehrwertsteuerrelevante Informationen und stärkt gleichzeitig die Rolle von Eurofisc als europäisches Analyse- und Informationsnetzwerk. Aus Sicht von Zoll, Außenhandel und Compliance liegt die eigentliche Relevanz jedoch an anderer Stelle. Die Verordnung steht exemplarisch für den fortschreitenden Ausbau einer europäischen Kontrollarchitektur, die auf Datenvernetzung, Informationsaustausch und der Verknüpfung verschiedener behördlicher Informationsquellen basiert. Für Unternehmen entsteht dadurch keine neue Rechtslage im materiellen Steuer- oder Zollrecht. Die Rahmenbedingungen für die Bewertung und Analyse grenzüberschreitender Geschäftsvorfälle verändern sich jedoch erheblich.


Was die Verordnung regelt

Mit der Verordnung werden die bestehenden Regelungen zur Zusammenarbeit der Verwaltungsbehörden im Bereich der Mehrwertsteuer erweitert. EUStA und OLAF erhalten künftig Zugriff auf bestimmte Informationsbestände, die für die Aufdeckung und Verfolgung grenzüberschreitender Mehrwertsteuerbetrugsstrukturen relevant sind. Gleichzeitig wird Eurofisc verpflichtet, Analyseberichte über mutmaßliche Betrugsmuster zu erstellen und an die zuständigen europäischen Stellen weiterzugeben. Die Regelung umfasst insbesondere Informationen zu Umsatzsteuer-Identifikationsnummern, innergemeinschaftlichen Umsätzen, bestimmten steuerbefreiten Einfuhren sowie Zahlungsinformationen aus dem europäischen Zahlungssystem CESOP. Darüber hinaus werden zentrale Zugangsmöglichkeiten geschaffen, um Informationen aus mehreren Mitgliedstaaten im Rahmen konkreter Ermittlungen effizienter auswerten zu können. Die Verordnung schafft damit keine neuen Datenbestände. Sie verbessert den Zugang zu bereits vorhandenen Informationen und fördert deren Nutzung über Behörden- und Landesgrenzen hinweg.


Was die Verordnung ausdrücklich nicht regelt

Für eine rechtssichere Einordnung ist ebenso wichtig zu verstehen, was sich nicht ändert. Die Verordnung führt weder neue Steuerpflichten noch neue Zollpflichten ein. Sie begründet keine zusätzlichen Meldepflichten, erweitert keine Dokumentationspflichten und verändert weder das Umsatzsteuerrecht noch das Zollrecht materiell. Unternehmen müssen aufgrund der Verordnung keine zusätzlichen Erklärungen abgeben und keine neuen Prozesse aufbauen. Wer die Regelung ausschließlich anhand neuer Unternehmenspflichten bewertet, könnte daher zu dem Schluss kommen, dass sie für die betriebliche Praxis nur begrenzte Bedeutung besitzt. Genau hier liegt jedoch ein häufiger Denkfehler.


Die eigentliche Veränderung: Von der Dokumentenprüfung zur Datenanalyse

Über viele Jahre hinweg wurden Geschäftsvorfälle überwiegend anhand einzelner Dokumente bewertet. Zollanmeldungen wurden mit Zollanmeldungen verglichen. Umsatzsteuerliche Nachweise wurden isoliert geprüft. Zahlungsinformationen befanden sich häufig außerhalb des unmittelbaren Prüffokus.
Diese Entwicklung verändert sich seit Jahren schrittweise. Die Verordnung (EU) 2026/1743 beschleunigt diesen Trend. Behörden erhalten bessere Möglichkeiten, Informationen aus unterschiedlichen Quellen zusammenzuführen und in einen gemeinsamen Kontext zu setzen. Die Frage lautet künftig daher immer häufiger nicht mehr: Ist dieses einzelne Dokument korrekt? Die entscheidende Frage lautet: Erzeugen sämtliche Informationen zu einem Geschäftsvorfall ein nachvollziehbares und widerspruchsfreies Gesamtbild? Genau an dieser Stelle entsteht die eigentliche Relevanz der Verordnung für Unternehmen.


Warum Datenkonsistenz zum Compliance-Thema wird

In vielen Unternehmen werden Informationen entlang eines Geschäftsprozesses mehrfach verarbeitet.
Ein Kundenauftrag wird im ERP-System angelegt, in der Finanzbuchhaltung verbucht, für Zollzwecke verarbeitet, für umsatzsteuerliche Meldungen verwendet und über Logistiksysteme weiterverfolgt.
Bereits geringfügige Unterschiede können dazu führen, dass zwischen den einzelnen Datenbeständen Widersprüche entstehen. Dies betrifft beispielsweise Warenwerte, Empfängerinformationen, Umsatzsteuer-Identifikationsnummern, Lieferländer oder Transportdaten. Solche Abweichungen sind nicht zwangsläufig Ausdruck eines Compliance-Verstoßes. Sie können auf organisatorische Schwächen, fehlerhafte Stammdaten oder Medienbrüche zwischen verschiedenen Systemen zurückzuführen sein. Mit zunehmender Vernetzung von Informationsquellen steigt jedoch die Wahrscheinlichkeit, dass diese Inkonsistenzen sichtbar werden. Datenqualität entwickelt sich damit von einer operativen Verwaltungsaufgabe zu einem zentralen Bestandteil wirksamer Compliance-Strukturen.


Risikobereiche für Unternehmen

Die Verordnung schafft keine neuen Risiken im rechtlichen Sinn. Sie erhöht jedoch das Entdeckungsrisiko bestehender Schwachstellen. Besondere Aufmerksamkeit verdienen Geschäftsprozesse, bei denen Zoll- und Umsatzsteuerrecht unmittelbar zusammenwirken. Dazu gehören insbesondere innergemeinschaftliche Lieferungen, Reihengeschäfte, Dreiecksgeschäfte, grenzüberschreitende E-Commerce-Strukturen sowie Verfahren mit steuerbefreiten Einfuhren. In der Praxis zeigen sich Risiken häufig in Form von:

  • fehlerhaften oder veralteten Umsatzsteuer-Identifikationsnummern,
  • unvollständigen Nachweisen für steuerfreie Lieferungen,
  • Widersprüchen zwischen ERP-, Finanz- und Zollsystemen,
  • unterschiedlichen Angaben zu Warenwerten oder Empfängern,
  • mangelhafter Dokumentation internationaler Lieferketten,
  • unklaren Verantwortlichkeiten zwischen Steuer-, Zoll- und Compliance-Funktionen.

Die eigentliche Herausforderung liegt dabei selten in einem isolierten Fehler. Kritisch wird vielmehr die Summe mehrerer kleiner Abweichungen, die gemeinsam ein auffälliges Muster bilden.


Von Tax Compliance zu Integrated Compliance

Eine weitere Erkenntnis der Verordnung betrifft die organisatorische Aufstellung vieler Unternehmen.
Zoll, Steuern, Logistik, Finance und Compliance werden häufig in getrennten Fachbereichen bearbeitet. Die regulatorische Entwicklung zeigt jedoch, dass Behörden diese Themen zunehmend vernetzt betrachten. Informationen werden nicht nach organisatorischen Zuständigkeiten bewertet, sondern nach ihrem sachlichen Zusammenhang. Für Unternehmen gewinnt deshalb ein integrierter Compliance-Ansatz an Bedeutung. Erfolgreiche Organisationen steuern ihre Daten, Prozesse und Verantwortlichkeiten bereichsübergreifend. Sie schaffen Transparenz an Schnittstellen und reduzieren Abhängigkeiten von Einzelpersonen oder Insellösungen. Die Qualität der Zusammenarbeit zwischen Zoll, Tax, Finance und Compliance wird damit zu einem wichtigen Faktor für die langfristige Risikosteuerung.


Was Unternehmen jetzt prüfen sollten

Auch wenn die wesentlichen Regelungen erst ab August 2027 und teilweise erst ab Juli 2030 Anwendung finden, sollten Unternehmen die Zeit bis dahin nutzen. Im Mittelpunkt sollte nicht die Verordnung selbst stehen, sondern die Frage, ob bestehende Prozesse den Anforderungen einer zunehmend datenbasierten Kontrolllandschaft standhalten. Besonders sinnvoll ist die Überprüfung von Stammdatenstrukturen, der Verwaltung von Umsatzsteuer-Identifikationsnummern, der Nachweisführung bei innergemeinschaftlichen Lieferungen sowie der Datenkonsistenz zwischen ERP-, Finanz- und Zollsystemen. Ebenso wichtig sind klare Governance-Strukturen, definierte Verantwortlichkeiten und wirksame interne Kontrollen. Unternehmen profitieren dabei nicht nur aus Compliance-Sicht. Konsistente Daten verbessern auch die Prozessqualität, erhöhen die Transparenz entlang der Lieferkette und reduzieren operativen Korrekturaufwand.


Fazit

Die Verordnung (EU) 2026/1743 erweitert die Möglichkeiten von EUStA, OLAF und Eurofisc zur Bekämpfung grenzüberschreitenden Mehrwertsteuerbetrugs. Ihr strategischer Wert geht jedoch weit darüber hinaus. Sie verdeutlicht die Entwicklung hin zu einer europäischen Kontrollarchitektur, die Daten vernetzt, Informationen zusammenführt und Geschäftsprozesse ganzheitlich betrachtet. Für Unternehmen entstehen keine neuen gesetzlichen Pflichten. Die Anforderungen an Datenqualität, Nachvollziehbarkeit und Governance steigen jedoch kontinuierlich. Die entscheidende Zukunftsfrage lautet deshalb nicht, ob einzelne Dokumente korrekt erstellt wurden. Entscheidend ist, ob sämtliche Informationen eines Geschäftsvorfalls über alle Systeme hinweg ein konsistentes, belastbares und auditfähiges Gesamtbild ergeben. Unternehmen, die ihre Zoll-, Steuer- und Compliance-Prozesse bereits heute unter diesem Blickwinkel bewerten, schaffen die Grundlage für Rechtssicherheit, resiliente Lieferketten und nachhaltigen wirtschaftlichen Erfolg im internationalen Handel.


Zum Nachlesen


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Autor: Dominik Wiedmann - Senior Consultant Training & Beratung

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